Klar hat es sich niemand so gewünscht. Wie viel schöner ist es, wenn man ohne Angst und Vorsicht einfach mal losziehen und die Weihnachtsstimmung auf den Straßen und im Freundeskreis genießen kann! Doch wenn es schon so ist, wie es ist, können wir aus der Erfahrung des Beschränktseins besser verstehen, wie die ursprüngliche Adventstimmung war. Wessen Ankommen war erwartet? Warum war das Versprechen des Propheten so wichtig, dass Menschen sich daran festgehalten haben? „Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer!” (Sacharja 9,9)

In der Zeit, als Jesus auf die Welt kam, ging es den Menschen im römischen Provinz Judäa nicht gut. Hungernöte waren Alltag, politischen Konflikte haben zu Truppendurchzügen und Plünderungen geführt. Die politische und religiöse Elite hat die Unsicherheit gespürt und jeder versuchte für den eigenen Aufstieg zu arbeiten – Gemeinwohl und Gerechtigkeit sind auf der Strecke geblieben. Der König Herodes, den wir auch aus der Weihnachtsgeschichte kennen, war alles andere als ein guter und gerechter Herrscher. Aus Angst um seine Macht hat er sogar seine eigene Frau und seine beiden Söhne töten lassen. Die Geschichte über die Ermordung der Säuglinge, die im Matthäusevangelium überliefert ist, hat ebenfalls gewisse historische Wurzeln – Herodes hat sich anscheinend vor nichts zurückgeschreckt, wenn es um die Erhaltung seiner Macht ging.

Kein Wunder, dass sich das einfache Volk nach einem gerechten König gesehnt hat. Sie wussten ja aus der Geschichte, dass ein guter Herrscher dem Volk dient. Der gute Herrscher ist wie ein guter Hirte. Er kümmert sich um alle Menschen, ihm ist es wichtig, dass es dem Volk gut geht, dass sie genug zum Leben haben, dass sie in Sicherheit leben und das Leben sogar genießen können. Ein guter Herrscher stellt sich nicht über die Menschen, verlangt keine Luxusprivilegien, keine Sonderbehandlung, sondern ist ganz nah zu den Menschen – ganz wie der Hirte, der die Schafen begleitet und führt.

Je größer das Bedrängnis, desto größer muss auch die Hoffnung sein, dass sich alles zum Guten wendet. Und genau diese Hoffnung hat die jüdische Bevölkerung zu Jesu Lebzeiten auch geprägt und bewegt. Nicht Jesus war der Einzige, der als potentieller Erlöser aus der politischen Unterdrückung gesehen wurde. Doch die überlieferten Erzählungen aus seinem Leben zeigen, dass er als besonders geeignete Person für die gerechte Führung des Volkes angesehen wurde. Jesus sättigte ja große Menschenmengen – scheinbar aus dem Nichts. Was will ein Volk mehr, das hungern muss!

Ich denke, in der Zeit der Pandemie fällt es leicht, sich in die Situation des Volkes hineinversetzen, das sich in einer aussichtslosen Situation steckt und nach Ausweg sucht. Nach „Erlöser“, nach Leitungspersonen, die ihre Schritte und Entscheidungen nicht davon abhängig machen, was mehr Beliebtheit und potentielle Stimmen bringt, sondern danach fragen, was wirklich hilfreich für die Allgemeinheit ist und zur Lösung der Probleme führt.

Spannend ist, dass die Erwartungen von damals eigentlich nicht erfüllt worden sind. Jesus hat die politische Leitung nicht übernommen und hat das Volk aus der Unterdrückung und Willkür nicht herausgeführt. Die positive Botschaft besteht nicht darin, dass die Römer abziehen mussten und die jüdische Bevölkerung ab dann in Fülle und Freiheit leben durfte. So ein Happy End gab es leider nicht. Jesus hat was anderes gebracht. Er hat gezeigt, dass Gerechtigkeit nicht unbedingt von oben kommen muss. Auch ganz einfache Menschen dürfen Gerechtigkeit leben und die schwachen Einzelnen schließlich viel erreichen können, wenn sie sich zusammentun. Jesus hat gezeigt, dass die Kraft von kleinen Gemeinschaften unheimlich groß werden kann. So ist aus einem kleinen Kreis von zwölf Personen eine weltweite Kirche geworden, dabei haben sie am Anfang nichts als Begeisterung und Hoffnung gehabt. Jesus hat gezeigt, dass sogar eine kleine Gruppe und ein einziger Mensch die Mächtigen irritieren kann, wenn er konsequent Nächstenliebe lebt. Jesus hat gezeigt, dass man die Traditionen immer wieder kritisch betrachten und bei Bedarf anpassen muss, damit Gerechtigkeit und Menschenfreundlichkeit nicht nur schöne Worte bleiben, sondern das Leben prägen.

So ist Jesus zwar kein König im politischen Sinne geworden, aber er hat es geschafft, sogar über den Tod hinaus Menschen zu motivieren, für die Gerechtigkeit auf Erden aufzustehen. Die Umstände, die politische Situation sind nicht immer so formbar, wie man es sich vielleicht wünscht, aber trotzdem haben wir, einzelne Menschen in der Hand, in unserem Umfeld für Andere da zu sein, besonders für die, die keine Stimme haben.

Im Lockdown-Advent können wir uns bewusst machen: auch wenn die Umstände nicht günstig sind, sind unsere Hände doch frei, Gutes zu tun und Licht in die Welt zu bringen. Und wenn das viele tun, wird unsere Welt gleich viel heller und hoffnungsvoller, so richtig adventlich.

Eine schöne Adventszeit wünscht Ihnen

Ihre Pfarrerin Adél Dávid

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